Leseprobe:
Die Schönheit und das Biest
von MH©
Prolog
Er näherte sich ihr langsam mit dem erhobenen Messer in der Hand. Seine Körpersprache wurde drohender, seine Stimme gezwungener.
„Ich bin stärker als du, und ich habe meinen Freund hier dabei“, er wedelte kurz mit dem Messer in seiner Hand, „ich sag es nur noch einmal. Zieh dich aus.“
Maria schob sich am Boden entlang. Ihre Flucht endete in einer Ecke des Raumes. Sie schaute sich schnell um, ihre Augen suchten fieberhaft nach einer Waffe, einer Möglichkeit sich zur Wehr zu setzen. Aber da war nichts. Die Gewissheit der Situation nicht entkommen zu können, breitete sich wie sengendes Feuer in ihr aus.
1. Kapitel
Blicke
Simon sah sie zum ersten Mal auf dem grossen Platz vor dem, in Hinsicht auf die restlichen Häuser der Stadt riesig anmutenden Gebäude der Stadtverwaltung. Er wusste nicht warum, aber sein Blick blieb an ihr hängen wie ein Magnet. Sie hatte ganz offensichtlich keine Modellmaße und fiel damit im Prinzip aus seinem üblichen Frauen-Screening. Normalerweise hätte er ihr keine weitere Beachtung geschenkt. Doch für den Bruchteil einer Sekunde hatten sich ihre Augen getroffen. In seinem Kopf hatte etwas Alarm geschlagen. Ganz leise, aber intensiv. Ihre Blicke stiessen noch einmal aneinander. Über die Entfernung hinweg konnte er jedoch kaum ihr Gesicht klar erkennen. Sein Blick folgte ihrem Weg über den Platz und sein Hirn registrierte plötzlich ihre angesichts der Entfernung hervorstechende Eigenschaft: Ihren Gang. `Sie geht merkwürdig`, dachte er. Der ganze Bewegungsablauf war nicht stimmig.
Dann verschwand sie aus seinem Blickfeld, aber merkwürdigerweise nicht aus seinem Kopf. Marlene, seine Freundin, um die er einen Arm gelegt hatte, war seinem Blick gefolgt. Sie verspürte aber trotz des interessierten Ausdrucks in seinen Augen keinerlei Besorgnis, als sie die junge Frau taxierte. Wenig sorgfältig gestyltes schlecht blondiertes kurzes Haar, eher herbe Gesichtszüge, ein schleppender Gang, das Ganze Grau in Grau gekleidet. Eine eigenartige Mischung aus `Grauer Maus` und Freak. Keine Gefahr, da keine Konkurrenz blitzte es kurz in ihr auf, dann hatte sie die junge Frau bereits vergessen.
Simon wunderte sich über sich selbst. Auf dem Weg zurück aus der Mittagspause zu seinem Ausbildungsplatz in der Verwaltung, hielt er instinktiv Ausschau nach der fremden jungen Frau. Er hatte ihre Gesichtszüge zwar nicht genau erkennen können, aber er würde sie sicher an der hellblonden Kurzhaarfrisur und dem merkwürdigen Gang erkennen. Gegen Ende der Mittagspause wimmelte es hier tagtäglich vor schnell hetzenden Menschen. Rund 2000 Mitarbeiter arbeiteten in dem 12-stöckigen, silbern glänzenden Hochhaus der Behörde. Alle nannten das Haus nur - das Stadthaus. Er selbst musste in den fünften Stock des Stadthauses, sein aktueller Ausbildungsplatz lag in der Personalabteilung. Es war ein himmelschreiend langweiliger Teil seiner Ausbildung im Verwaltungsdienst.
Die Auszubildenden durchliefen einige Ämter aus den verschiedenen Bereichen der Verwaltung. Simon war gerade im Personal- und Organisationsbereich, hatte aber gehofft in der interessanteren Ausbildungsabteilung eingesetzt zu werden.
Stattdessen war er aber einer älteren Dame –Frau Block- zugeteilt worden, die dringend Hilfe bei der Bearbeitung von Reisekostenabrechnungen brauchte. Bereits nach einer kurzen Einarbeitungszeit hatte er die meisten Arbeitsschritte verstanden und wunderte sich seither nur noch, wie Frau Block es schon seit vielen Jahren aushalten konnte, den riesigen Stapel immer gleicher Formulare mit immer den gleichen, selten abweichenden Berechnungstypen abzuarbeiten. Er arbeitete erst seit kurzer Zeit hier und hätte schon vor Langeweile schreien mögen. Noch ein paar Wochen musste er durchhalten, dann würde er im Rahmen seiner Ausbildung in eine andere hoffentlich spannendere Abteilung der Stadtverwaltung versetzt.
Der prüfende Blick in den Spiegel des Toilettenraums zeigte Simon, dass die Frühlingssonne in der Mittagspause bereits Spuren auf seinem Gesicht hinterlassen hatte.
Die ersten Sommersprossen zeichneten sich auf seinem noch winterblassen Gesicht ab. In ein paar Wochen würde man sie auf seiner sich schnell bräunenden Haut kaum noch erkennen können. Simon strich sich mit seinen vom Händewaschen noch nassen Fingern das kräftige kastanienbraune Haar aus dem Gesicht. Hellbraune Augen blickten aus dem Spiegel zurück. Er wusste, dass er gut aussah. Überdurchschnittlich gut. So gut, dass ihm die meisten seiner Mitmenschen nie ungezwungen begegnen konnten. Alles an ihm schien die Komplexe seines Gegenübers hervorzulocken.
Das erschwerte fast jedes spontane, ungezwungene Kennenlernen. Selten näherten sich ihm die Menschen von sich aus. Sie trauten sich einfach nicht. Die Menschen die sich ihm aus beruflichen Gründen nähern mussten, brauchten meist lange bevor sie ihre Unsicherheiten ablegen konnten. Auch sein freundliches, ruhiges Verhalten änderte daran nichts. Er hatte schon einiges an Verhaltensweisen ausprobiert, keine erleichterte den ersten Moment und die erste Zeit des Kennenlernens, so dass er seither einfach nur er selbst war und versuchte seinerseits nicht auch noch zu verkrampfen.
Sein engerer Freundeskreis bestand daher aus den wenigen Menschen, die er selbst gerne hatte und die es auch noch schafften die Schönheitskluft zu überwinden. Sei es, weil sie selbst sehr schön waren, oder einfach über ein ausgeprägtes, nicht vom Äusseren bestimmtes Selbstwertgefühl verfügten. Marlene- seine Freundin gehörte zu allen drei Kategorien. Deshalb hatte er sich bereits nach den ersten gemeinsamen Unternehmungen mit ihr zusammengetan.
Sehr schön und gleichzeitig reich an einem in ihr ruhenden Gefühl der Stärke war sie ihm entspannt entgegengetreten. Sie konnten auf Augenhöhe miteinander umgehen.
Besonders gefielen ihm ihr ausgeprägter Realismus und ihre Bodenhaftung. Sie waren seit einem Jahr ein Paar. Simon seufzte kurz auf – ein grosser Stapel Reisekostenanträge hatte den Weg in seine Erinnerung gefunden. „Auf in den Kampf“, dachte er gerade, als ihm plötzlich wieder die fremde Frau mit den hellen kurzen Haaren durch den Kopf geisterte. Mit einem leichten, unwilligen Kopfschütteln vertrieb er den ungewohnten Gedanken und ging mit gefasster Märtyrermine zurück an seinen Schreibtisch.
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Maria fühlte ein unangenehmes Rumoren im Bauch als sie auf die glänzende Hochhausfassade zuging. Sie hatte nicht gewusst was genau sie beruflich machen wollte, aber bestimmt wollte sie kein Schreibtischtäter in einem spiegelnden Büro-Koloss werden. Wegen ihrer persönlichen Umstände musste sie jedoch sehr dankbar sein für diese Chance. Sie stoppte, holte tief Luft, hielt sich an einem Pfosten fest und schüttelte kurz ihre angestrengten Beine. Das schnelle Gehen über die ihr fast unbekannten Strassen, Bürgersteige und Bahngleise hatten ihr viel Konzentration abverlangt.
Beim Weitergehen liess sie ihren Blick über den grossen Platz vor ihr schweifen. Wurde der Platz im Hintergrund von der Hochhauskulisse der Behörden abgegrenzt, so öffnete er sich nach rechts zur pittoresken Altstadt mit ihren vielen gut erhaltenen barocken Bauten und Gassen. Links von ihr versuchte eine kleine Ansammlung von Bäumen die lebensnotwendigen Nährstoffe aus einem nicht zu betonierten Fleckchen Erde zu ziehen.
Von der Baumgruppe aus zogen sich im Halbkreis angeordnete langsam ansteigende Treppenstufen bis zur ersten Etage des Stadthauses hinauf.
Diese Stufen wurden offensichtlich von vielen Menschen auch als Sitzgelegenheit für die Mittagspause genutzt oder dienten Eis schleckenden Touristen als Rastplatz. Die überdimensionale Treppe endete auf einer grossen Terrasse, die sich an einer Seite über das ganze Gebäude hin erstreckte. Hier waren verschiedene Cafes und die Kantine der Stadtverwaltung untergebracht. Maria hatte mit ihrer Mutter hier beim ersten Besuch eine Tasse Kaffee getrunken und versucht sich vorzustellen, wie es sein würde hier zu arbeiten.
Maria orientierte sich kurz. Sie musste nun rechts an dem Bogen aus Treppenstufen vorbeigehen, um zum Haupteingang im Erdgeschoss des Hauses zu gelangen.
In einiger Entfernung hockte eine Gruppe junger Menschen ihres Alters in Bürokleidung auf den Treppenstufen, lachte und genoss sichtlich die Sonne. Irritiert bemerkte sie den Blick eines auch aus der Ferne beeindruckend gut aussehenden jungen Mannes, bevor sie sich schnell wieder auf den Platz vor ihren Füssen konzentrieren musste. Einem inneren Zwang folgend, fanden ihre Augen jedoch den Weg zurück zu dem attraktiven Mann auf den Treppen. Er schaute immer noch in ihre Richtung. Nach einem kurzen Moment des Prickelns in ihrem Nacken, senkte sie ihren Blick orientierend wieder auf den Boden. Sie wollte auf keinen Fall jetzt stolpern oder gar hinfallen.
`Schau wo du hintrittst, Maria`, ermahnte sie sich selbst, obwohl ihre Neugier geweckt war. Vielleicht waren bei dieser Gruppe ein paar künftige Mitstreiter im Kampf mit Kugelschreiber und Büroklammern dabei. Hoffentlich fand sie hier Anschluss. Sie konnte ein paar menschliche Kontakte, die unter normalen Umständen stattfanden gut gebrauchen.
Personalleiter Paul Schallenberg hatte nur kurz Zeit für sie.
„Ja, Frau Rothe, schön dass wir uns endlich persönlich kennenlernen. Sie werden bei uns ja auf Empfehlung meines Freundes Prof. Dr. Hones eine stark verkürzte Ausbildung im Verwaltungsbereich absolvieren. Angesichts ihrer hervorragenden fachlichen Vorbereitung auf den Beruf in ihrer Genesungszeit, freuen wir uns auf eine Auszubildende mit einem bereits ausgeprägten theoretischen Wissen.“
Maria bedankte sich –wie von ihrer Mutter mehrfach eingeschärft - nochmals für die ihr gegebene Chance und verabschiedete sich von dem geradlinig wirkenden Paul Schallenberg.
In dem hellen, dank der gläsernen Fensterfront von viel Licht durchfluteten Flur vor dem Aufzug sortierte sie die erhaltenen Informationsblätter über künftige Einsatzorte, zeitliche Daten sowie Ansprechpersonen. Zuerst musste sie zwei Wochen in die Telefonzentrale des Hauses, damit sie einen Überblick über die vielen verschiedenen Ämter und Aufgaben bekam. Sie versuchte sich gerade einzureden, dass ihr Einsatz in der Telefonzentrale allemal besser war als wenn sie direkt mit Stempeln und Abheften beginnen müsste, als sich eine der beiden Aufzugtüren öffnete.
Die Augen auf den Boden und eventuelle Stolperkanten gerichtet, trat sie in den Aufzug. Erst als sie wieder sicher stand und ihre gewünschte Etage gedrückt hatte, schaute sie auf den anderen Fahrgast.
Mit einem vagen Gefühl des Wiedererkennens blickte Maria in Simons Gesicht und versuchte sich an einem grüssenden Lächeln. Aber ihre Gesichtsmuskeln gehorchten nicht. Reglos begegnete sie dem ernsten Blick aus Simons ungewöhnlichen Augen. Sie waren sehr hell für braune Augen, hatten aber einen tiefdunklen Rand um die Iris, der das helle Innere irisierend zum Leuchten brachte. Auch Simon schien merkwürdig verhalten, schaute sie nur an. Beide schienen auf das in Aufzügen automatisiert erscheinende, kurze Höflichkeitslächeln verzichten zu wollen.
Mehrere Etagen strichen vorbei und nach dem unendlich erscheinenden „Schauen“ schlug Ihnen die Peinlichkeit der Situation plötzlich geradezu ins Gesicht. Simon sammelte sich zuerst, räusperte sich mehrfach und bedachte sie mit einem unsicheren „Mahlzeit!“.
Maria wusste nicht wie ihr geschah, als ihrer Kehle plötzlich ein lautes Lachen entstieg. Eine surreale Begegnung mit dem schönsten Mann der Welt im Aufzug und er sagte `Mahlzeit!`.
„Warum lachst Du denn so“, fragte Simon mit sich leicht rosa verfärbenden Wangen und lächelte sie endlich an. Er hatte nicht einen Augenblick in Erwägung gezogen die fremde Frau zu siezen.
„Entschuldige bitte, aber dieses „Mahlzeit!“ ist für mich als Neuling wie ein `Running Gag`. Ich bin erst vierzig Minuten im Hause und habe es bestimmt schon hundertfünfzig Mal gehört.“
Maria ging auf seinen persönlichen Ton ein. Ihre dunklen Augen lachten immer noch.
Simon stimmte noch zögerlich, aber erleichtert in ihr Lachen ein.
„Aha, Du bist also ein Neuling. Was genau bedeutet Neuling?“
Maria hörte ihre eigene Stimme, unnatürlich verstärkt durch die metallenen Aufzugwände und verspürte eine erste Verunsicherung.
„Ich fange hier heute als Auszubildende im Verwaltungsdienst an. Ich war länger krank und steige deshalb mitten in der Ausbildung ein. Fast den ganzen theoretischen Kram konnte ich bereits im Krankenbett hinter mich bringen. Jetzt kommt noch die Praxis.“
Warum erzählte ich ihm eigentlich nicht gleich meine ganze Lebensgeschichte? Maria wunderte sich über ihre eigene Auskunftsfreude.
Simon schien ihren Worten aufmerksam zuzuhören.
„Dann kommst Du wahrscheinlich in das gleiche Ausbildungsjahr wie ich“, bemerkte er, nun munter lächelnd.
Maria hatte den Eindruck, dass er sich freute. Ja, sein harmonisch gleichmässig geschnittenes Gesicht strahlte ihr einen erfreuten Willkommensgruss entgegen. Sie spürte, wie er sie eingehend musterte. Sofort wurde sie sich ihres –wie sie selbst fand- schon im Allgemeinen eher merkwürdigen, aber im Vergleich mit ihrem Gegenüber schon fast kläglichen Aussehens und dazu noch ihrer Geschichte bewusst. Eine verräterische Rötung entstieg den Tiefen ihres Brustkorbes und bahnte sich ihren Weg unangenehm heiss über Marias Hals bis zu den Haarwurzeln. Das in vielen mühsamen Monaten antrainierte `Ich bin in Ordnung wie ich bin`-Gefühl verliess sie schlagartig. Unter seinen offensichtlich interessierten Augen hatte sie den unangenehmen Eindruck ihre problembehaftete Lebenssituation aus allen Poren hervorleuchten zu sehen. Dankbar nahm sie wahr, dass der Aufzug endlich auf Höhe der Telefonzentrale angekommen war und die Türen sich öffneten. Gesenkten Blickes verliess sie den Aufzug mit einem leisen „Na, dann tschüss“.
Simon schluckte angesichts der deutlichen Veränderung ihrer Stimmung und versuchte sich an einem leicht hingeworfenen „Ja, man sieht sich bestimmt mal wieder“ bevor sich die Aufzugtüren wie von Geisterhand wieder schlossen.
Simon verliess den Aufzug zwei Etagen später wie betäubt. Im langen, trotz der freundlichen, gelben Farben behördenmässig trostlos wirkenden Flur des Einwohnermeldeamtes musste er an den üblichen Warteinseln mit ihrer neuen im Gegensatz zu früher deutlich bequemeren Bestuhlung vorbei. „Du musst dich setzen.“ flüsterte seine innere Stimme ihm leise zu. Simon merkte jetzt erst wie unsicher er sich plötzlich auf seinen Beinen fühlte. Er setzte sich in einen der Wartebereiche und beobachtete teilnahmslos das geschäftige Treiben. Dann schloss er die Augen und versuchte sich zu konzentrieren. Der einzige Gedanke der Gestalt annahm, war das deutliche Bild von den ihn tief berührenden dunkeln Augen und dem schlagartigen, massiven Stimmungswechsel der jungen Frau im Aufzug. Irgendwas an dieser Frau sprach zu ihm, besser gesagt schrie ihn an, aber er konnte die aus dem Schrei resultierende Information nicht entschlüsseln.
`Du weißt was es ist, du musst dich nur konzentrieren`, versuchte er sein aufgewühltes Innenleben zu beruhigen. Aber die tosende Unruhe in seinem schnell pochenden Herzen liess nur langsam nach. Nach einer Weile bemerkte er den Stapel Unterlagen in seinen Händen und spürte, dass es einfacher war, sich jetzt erst einmal auf die Erledigung seiner Arbeit zu konzentrieren. Er stand entschlossen auf und machte sich auf den Weg. `Man sieht sich, man sieht sich,…` ging ihm dabei leise aber unaufhörlich durch den Kopf.
